Die Schwarze Madonna

Der wertvollste Schatz von Jasna Góra ist das Gnadenbild der Mutter Gottes. In kurzer Zeit wurde die Jasna Góra zum berühmtesten Wallfahrtsort des Landes, welches bereits zahlreiche andere marianische Heiligtümer besaß. Der Grund dafür ist nicht nur die legendäre Autorschaft des hl. Lukas, auch nicht die besondere Förderung durch das königliche Paar Jadwiga und Ladislaus Jagiełło; es muss einen tieferen Grund gegeben haben.

Das Bild von Jasna Góra wurde von Anfang an als wundertätig bekannt und sein Ruhm zog die Pilgerscharen aus dem ganzen Land und dem übrigen Europa an.

Zeugnis davon legen die zahlreichen Weihegaben ab, die von den Gläubigen zum Dank für die Fürsprache der Mutter Gottes geschenkt wurden. Man muss auch daran erinnern, dass auf der Jasna Góra keine Marienerscheinungen stattfanden. Ohne das Gnadenbild wäre Jasna Góra zwar eine Ansammlung von Gebäuden, Erinnerungsstätten, Kunstwerken, aber ein totes, wenn auch schönes und reiches Museum. Das Geheimnis, das Herz und das Leben des Heiligtums ist das Gnadenbild.

Es ist auf einer Holztafel von 122,2 x 82,2 x 3,5 cm gemalt. es stellt die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm dar. Das frontal zugekehrte Antlitz Mariens dominiert. Das Antlitz des Kindes wendet sich betrachtend in eine unbestimmte Ferne. Beide haben eine Art von Ernst und Distanz. Auf der rechten Wange der Mutter Gottes zeigen sich die Spuren zweier Einschnitte, die parallel verlaufen. Ein dritter läuft quer dazu. Am Hals sind weitere sechs Ritzungen zu erkennen. Das Jesuskind ruht auf dem linken Arm Mariens, es trägt ein karminrotes Gewand. In seiner Linken hält es ein Buch, die Rechte erhebt es in der charakteristischen Form des Lehrens, des Herrschers oder des Segens. Die rechte Hand Mariens ruht auf ihrer Brust. Das blaurote Gewand und der gleichfarbige Mantel Mariens ist mit goldenen französischen Lilien geschmückt.

Über der Stirn der Jungfrau ist ein sechsstrahliger Stern zu sehen. Der Untergrund des Bildes ist blaugrün und erinnert an Meereswellen. Ein beherrschendes Element der Ikone sind die goldenen Nimben um das Haupt Mariens und Jesu, die in eins komponiert einen starken Kontrast zu dunklen Hautfarbe Mariens bilden.

Das Muttergottesbild von Jasna Gora gehört zum Typus „Hodegetria“, d. h. „die den Weg weist“. Es zeigt Maria, die Mutter Gottes mit dem Jesuskind, dem Sohn Gottes und ihrem Sohn. So ist die Ikone in ihrer Aussage biblisch und lädt zu Meditation und Gebet ein.

Zwischen 1367 und 1372 rief Prinz Władysław Opolczyk als Statthalter des ungarischen Königs Ludwig I. für das polnische Gebiet Mönche des Paulinerordens aus Ungarn nach Polen. Anno 1382 übergab der Prinz ihnen eine kleine Kirche in Częstochowa, die Maria, der Jungfrau und Fürsprecherin, geweiht war. Weiterhin erhielten sie das „Wunderbild“ der Gottesmutter Maria, das der Prinz aus der Stadt Belz in der Ukraine hierher gebracht hatte. Der Name Jasna Góra (Clarus Mons – der Helle Berg) des
293 m hohen Berges stammt von den ungarischen Paulinern, die ihr Mutterkloster als „das auf dem Hellen Berg in Buda“ bezeichneten. Der wachsende Ruhm des Bildes bewirkte, dass Jasna Góra Ziel vieler Wallfahrer wurde, die zahlreiche und wertvolle Votivgaben spendeten. 1430 wurde das Kloster überfallen und das Marienbild schwer beschädigt. Das Bild sollte in Krakau am Hof des Königs Władysław II. Jagiełło restauriert werden, was aber nicht recht gelang, da die Maler versuchten Temperafarben auf einem Bild der Enkaustik anzuwenden. Daher wurde das Wachs entfernt und eine möglichst getreue Kopie des Bildes geschaffen. Die Spuren der Schwerthiebe wurden zur Erinnerung nachgeritzt. Die Schändung und „Restaurierung“ des Bildes steigerte die Berühmtheit des Wallfahrtsortes. 1621 begann der polnische König Władysław IV. Wasa mit dem Bau von Verteidigungsanlagen um den Klosterkomplex. Das Heiligtum wurde eine „Festung Mariens“ („fortalitium marianum“). 1655 wurde Jasna Góra im Schwedisch-Polnischen Krieg von 3000 regulären schwedischen Soldaten belagert. Diesen standen nur etwa 260 Verteidiger unter Leitung des Priors Pater Augustin Kordecki gegenüber, die nach 40 Tagen siegreich sein sollten. Der Sieg wurde natürlich weder dem militärischen Können der Verteidiger, noch den Verteidigungsanlagen zugeschrieben, sondern nur dem Schutz der Mutter Gottes selbst. Nach diesem Ereignis erhob sich ganz Polen zum Kampf gegen die schwedischen Eindringlinge. Dennoch riss die Kette von Niederlagen zunächst nicht ab, die Kriegswende kam erst ausgerechnet durch ein Bündnis mit dem muslimischen Krim-Khan und seinen tatarischen Hilfstruppen. 1656 legte der polnische König Johann II. Kasimir im Dom von Lemberg ein feierliches Gelöbnis ab und stellte alle Länder seines Königreiches unter den Schutz der Mutter Gottes. Jasna Góra wurde somit zum Symbol religiöser und politischer Freiheit für alle Polen. Besonders während der späteren Teilungen Polens war Jasna Góra das einigende Element für die zerrissene Nation.